Nov. 24
2

35 Jahre zuvor hatte ich mich auf Longlines spezialisiert. Einige Dutzend zumeist bekannte Klassiker hatte ich damals bewältigt. Darunter waren auch vergleichsweise leichte aber zumeist besonders lange Routen, die ich seitdem als „abgehakt“ aufzählen darf. Darunter z.B. Blassengrat ungesichert im Winter, der Jubiläumsgrat (auch im Winter), die Hochwanner Nordwand solo, die Watzmann Ostwand (Schweizer Var.) und die Schneelochumrahmung im Wilden Kaiser. Eine der bekanntesten Routen dieser Art fehlte mir jedoch in meiner Sammlung: der fast schon berühmte Kopftörlgrat. Einen Winterversuch hatte ich auf Grund der Bedingungen vor 20 Jahren abgebrochen.


Gestern war es dann endlich soweit. Ein fantastischer Spätherbsttag wartete mit Temperaturen bis 15 Grad auf 2000m auf und so starteten wir eine Stunde nach Sonnenaufgang ganz alleine an der Kopftörlscharte. Dies ist deshalb besonders bemerkenswert, weil sich an Schönwettertagen im Sommer meist ein Bandwurm an Seilschaften durch die über einen Kilometer lange Kletterei zieht. Stau und Platzkämpfe rauben desalb einiges an Freude über einen der schönsten Grate der Nordostalpen.

Die Routenführung ist teilweise nicht offensichtlich. Wir hatten uns jedoch logistisch und taktisch bestens vorbereitet und kletterten deshalb ohne großes Suchen entlang der ausgesetzten Türme des Kopftörlgrates.
Eindrucksvolle Tiefblicke wechselten sich mit herrlichen Panoramen vom Watzmann über die Zentralalpenkette ab. Am Nachmittag erreichten wir dann den verwaisten Gipfel des höchsten Berges des Wilden Kaisers, die Elmauer Halt. Ich muss zugeben, dass ich bei aller Schönheit der Gratkletterei, wegen meiner mangelnden Alpinkondition ziemlich fertig war.

Ein einmaliger 360° Rundumblick vom besagten Zentralalpenkamm über Zugspitze, dem Südrand der bayerischen Landeshauptrstadt, dem Chiemsee und den Berchtesgadener Alpen belohnte unsere Mühen und so ließen wir es uns auf dem Gipfel eine ganze Weile gut gehen. Es folgten noch drei anstrengende Abstiegsstunden, die wir zumeist im Dunkeln zurücklegten. Schach matt aber glücklich erreichten wir am Abend das kalte Tal bei Elmau. Ich hatte ein uraltes Projekt endlich abgehakt und ein unvergesslicher Tag wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Bleibt nur noch mein Respekt vor Georg Leuchs zum Ausdruck zu bringen. Der beging den komplizierten Kopftörlgrat im Jahr 1900 solo als erster Mensch.
Mehr über Georg Leuchs, den ehemaligen 1. Vorsitzenden der Sektion München
Anmerkung: die Straße zur Wochenbrunner Alm auf ca. 1000 Hm ist aktuell wg. Bauarbeiten gesperrt, das Auto muss also im Tal geparkt werden.








Sep. 24
9
(Fotos: Tom Duhme, Vincent Heinemann, eigen)

Viele sagen es gäbe so viele schöne Kletter- und Bouldergebiete in Deutschland, warum in die Ferne schweifen? Mit einigen europäischen Topgebieten, können ausser dem Frankenjura, der sächsischen Schweiz und den deutschen Alpen natürlich die meisten deutschen Gebiete nicht mithalten – keine Frage. Aber dennoch die vergleichsweise kurze, umweltfreundliche Anfahrt (Kalymnos/RockLands ->CO2 war da was???) spricht dennoch für sich.


So hatte ich kürzlich die Gelegenheit anlässlich einer Fortbildung des JDAV-Hessen die Bouldergebiete im Odenwald zu erkunden. Und ich muss sagen: gar nicht so schlecht. Bester Granit, vom Einzügler bis zum Highball und von der Platte bis zum Dach ist alles dabei. Manche Sektoren warten sogar mit einer Menge Blöcke in Sichtweite auf.

Vom Boulderspaß abgesehen, war es mir ein Vergnügen mit sehr interessierten Jugendleiter*innen gemeinsam zu ermitteln wie Bouldern in der Halle und am Fels – Schwerpunkt Sicherheit – mit der Kinder- und Jugendgruppe umsetzbar ist. Die Teilnehmenden haben eine Menge gelernt und ganz offen gestanden: für mich als alten Hasen ist es immer lehrreich mit jungen Menschen unterwegs zu sein und mich mit ihnen auszutauschen. Denn das Motto lebenslanges Lernen ist menschlich und wer glaubt, es wird immer so bleiben wie es (angeblich!) immer schon war, hat vergessen, dass es die Aufgabe der jungen Menschen ist nach vorne zu gehen, Neues auszuprobieren und damit die Menschheit weiter zu bringen.

So durfte ich an sinnreiche Diskussionen, jugendlichem Alltag teilhaben und habe zugleich erneut erfahren: Klettern/Bouldern verbindet über alle (Generations-) Grenzen hinweg.





Juli 24
24

Der Oberlandcup setzte sich dieses Jahr aus 3 Qualifikationsrunden (Gilchinger Meisterschaft, Münchner– und Tölzer Stadtmeisterschaft) zusammen. Ich war für die Organisation der Münchner Stadtmeisterschaft im Auftrag der DAV-Sektionen München & Oberland zuständig. Ein Video von Tomtom Lindinger dokumentiert die Veranstaltung. Mit besonderer Freude erfüllt mich dabei, dass die Münchner Stadtmeisterschaft über eine Handicapwertung verfügt. Leider eine von ganz wenigen Veranstaltungen dieser Art.

Über 500 Teilnahmen wurden bei den drei Cups gezählt, davon die Hälfte bei der Münchner Stadtmeisterschaft, die in Freimann stattfand.

Die 20 Besten jeder Klasse (Kids, Jugend, 40+, Erwachsene) qualifizierten sich nach den drei Cups zum anschließenden Großen Oberlandcupfinale, das am 20. Juli in der nagelneuen DAV-Boulderhalle in München Thalkirchen über die Bühne ging. Auch hier war ich als Hauptorganisator und nebenbei auch noch als Moderator dabei.

Vormittags starteten die Athleten*innen bei hochsommerlichen Temperaturen an der angenehm schattigen, neuen Boulderaussenwand ins Viertelfinale. Es galt 8 schwere Boulder in 2,5 Stunden zu bewältigen. Hier kämpften insgesamt 80 Athleten*innen gegeneinander. Dennoch war das Viertelfinale insgesamt von einer freundlichen und entspannten Atmosphäre gekennzeichnet.

Die 5 Besten jeder Klasse zogen dann mittags ins Halbfinale ein, das an der großen Wettkampfwand im Innenbereich durchgeführt wurde. Wiederum die drei Besten der 5 Halbfinalisten durften am Nachmittag im Finale unter sich ausmachen wer Oberlandcupmeister*in 2025 wird.

Die Veranstaltung war spannend bis zuletzt. Bei einigen Favoriten*innen entschied sich erst im allerletzten Boulder, wer Gesamtsieger*in 2025 wird.

Hier gehts zum Bericht (mit Fotogalerie) auf https://www.alpenverein-muenchen-oberland.de/events/oberlandcup/finale-oberlandcup und auf der Homepage von Thalkirchen (ebenfalls mit Fotogalerie).

Großzügige Sponsoren, die Preise von insgesamt über 4500,- zur Verfügung stellten, darunter auch meine persönlichen Unterstützer Tenaya und Edelrid. Ausserdem supporteten das Sporthaus Schuster, Mountain Equipment, Chillaz, Mantle & Peak Punk – vielen Dank!

Juli 24
19

Dänemark, das südlichste skandinavische Land hat kaum ein Erhebung über 100m. Ein paar Boulderblöcke am Strand, das war’s dann mit Klettern im Norden von Flensburg… – dachte ich. Weit gefehlt, denn die Dänen müßen nur über eine der größten Brücken Europas nach Schweden hinüberfahren und sind schon nicht mehr weit weg von den besten Kletter- und Bouldersports Skandinaviens. Da liegt es auf der Hand, dass es im flachen Dänemark auch ein paar coole Kletter- und Boulderhallen gibt. Von diesen sticht der Nørrebro Klatreklub im gleichnamigen Kopenhagener Szene-Stadtviertel besonders heraus.

Der Nørrebro Klatreklub ist ein kleiner, seit 13 Jahren selbstverwalteter Boulderclub, bestückt mit 150 Bouldern vom Feinsten. Unfassbar, fast jeder Move ein Schmankerl! Ja das geht, denn hier schrauben die Nutzer selbst. Bockstarke, muskelbepackte Dänen und Däninnen sind dort am Start, die sich aber von unseren ebenso bockstarken Vertreter*innen der deutschen Klettergemeinde im Allgemeinen durch filigrane Klettertechnik und im Besonderen durch elegantes Bewegen auffällig unterscheiden. Garniert ist der Klatreklub durch eine entspannt freundliche Atmosphäre, die übrigens in ganz Kopenhagen usus zu sein scheint.

In der international geprägten Hafenstadt, wird Toleranz und verständnisvoller Umgang groß geschrieben. Die Weltläufigkeit der Kopenhagener wird noch dadurch unterstrichen, dass viele Dänen*innen (auch Kinder) selbst im Alltag ins Englische überwechseln. Verständigung über alle kulturell-ethnischen Grenzen hinweg ist dort deshalb zero problem.

Kopenhagen, nach Umfragen die aktuell glücklichste Stadt der Welt, hat einiges zu bieten: kaum großflächige Werbung, ein unglaublich gut ausgebautes Netz an ultrabreiten Fahrradwegen kreuz und quer durch die Stadt, die höchste künstliche Kletteranlage Europas (80m – 3 Seillängen) in der Nähe der wild lebendigen Freistadt Kristiania. Auch nahe bei Kristiania: das subkulturelle Künstler- und Werkstattviertel am nördlichen Hafenrand, das eine zweite, noch um ein Vielfaches größere, selbstverwaltete Kletterhalle bietet, das Bloc & Walls.

Dort konnte ich keinen dänischen Kletterschein vorweisen und wurde deshalb (zu meinem Amusement) bgzl. meiner Sicherheitsfertigkeiten über 20 Minuten vom Personal aufs Allerstrengste geprüft. Erst nachdem ich diese Prüfung bestanden hatte, wurde mir die offizielle Erlaubnis zum Leadklettern erteilt (den Kletterschein habe ich dazugeschenkt bekommen :)).


Abgerundet wurde der durchwegs positive Eindruck Kopenhagen’s durch die bereits erwähnte Freistadt Kristiania. Dort gibt es weder eine Polizei, noch eine Baubehörde, noch ein einziges Auto. Wie in einem Märchenland, sind dort dutzende Eigenbauten in einer teils superidyllischen Natur-, teils urbanen Hafenlandschaft erstellt und/oder ausgebaut worden. Auch Kristiania ist selbstverwaltet, was aber keinesfalls paradiesischen Umständen zu verdanken ist, sondern harter idealistischer Arbeit über zwei bis drei Generationen mehrerer 1000 Aktiver, die sich dort seit über 50 Jahren engagieren.


Im Rückblick sind überwiegend sehr gute Erinnerungen an Kopenhagen in meinem Bewußtsein hängen geblieben. Ein Besuch dieser Weltstadt ist (nicht nur für Kletternde) empfehlenswert.

Sep. 23
14

Drei DAV-Fortbildungen „Bouldern im Granit“ habe ich zusammen mit meinen Kollegen Martin Urbanowski und Korbinian Rieser Anfang September im Zillertal geleitet. Zwischen zwei der Fortbildungen bin ich ausserdem ins Tiroler Pitztal gewechselt, um dort das Trainingslager der Leistungskader 3 + 4 des DAV-Kletterteams München und Oberland zu leiten.

Seit 10 Jahren leite ich diese Fortbildung im Zillertal und seit 10 Jahren hatte ich dort immer schönes Wetter… Auch das Trainingslager mit den Kids war ein echtes Highlight. Es wurde gebouldert bis die Finger glühten…

Juli 23
25

Vergangenes Wochenende war ich als DAV-Schiedsrichter auf der Bayerischen Meisterschaft der Jugend A/B in Deggendorf. Es war der letzte Wettkampf der Serie in diesem Jahr und damit der Entscheidende.

Die 60 besten Kletternden dieser Altersklassen waren am Start. Die DAV-Sektion Deggendorf leistete hervorragende Unterstützungsarbeit für den Wettkampf, der vom Bergsportfachverband Bayern (BFB) veranstaltet wurde.

Mit Carla Schirutschke war sogar eine (junge) Teilnehmerin des Erwachsenenkaders dabei und auch für „meine“ Sektionen München & Oberland war der Tag erfolgreich.


Gratulation an die erfolgreichen Kletternden der Jugend B/A.
Bericht des Bergsportfachverbandes BFB
Juli 23
12

Viele mögen es beim Klettern kalt, Stichwort „Gripconditions“. Aber wie im Hochsommer schwer klettern, wenn es vor Hitze dampft? Ich habe da einen Geheimtip. Eine Sportkletterwand in den bayerischen Voralpen, ein bischen abgelegen, etwas längerer Zustieg – ideal mit dem E-Bike zu erreichen. Der Fels ist meist senkrecht oder plattig bisweilen ein wenig überhängend. Sicherungen sind top. Das Wichtigste aber: fast reine Nordseite, an einem relativ kühlen Nordhang gelegen, immer streicht ein Wind um die Felsen auf 1600 m Höhe. Anders ausgedrückt: an „normalen“ Tagen ein eisiger Kühlschrank, aber jetzt in der heißen Zeit, ist der Sebaldstein ideal um richtig fett anzugreifen!

Auf den Namen Sebaldstein hört der kompakteste Fels der bayerischen Voralpen. Es handelt sich um einen 60 m hohen Monolith, 150 Millionen Jahre älter als die westlich benachbarte Rotwand und die östlich davon liegenden Ruchenköpfe im Spitzingseegebiet. Seit 4 Jahren erschliesse ich dort Routen.

Am vergangenen Wochenende befreite Andi Faessler am Sebaldstein die Dammeh (lt. Andi solide 9+/10-), die alles hat um einmal ein Ultraklassiker zu werden. Die 35 m senkrecht aufragende Route startet mit einer schweren Einzelstelle auf der Einstiegsplatte um sich dann mit raffinierter, kleingriffiger Kletterei immer direkt aussen an der Kante bis zum „Grande Finale“ kurz vor dem Top zu steigern. Die Dammeh ist damit ein Ausdauerhammer vom Feinsten.

Steffi Schabert hat, ebenfalls am vergangenen Wochenende, dem Sebaldstein noch eine „leichtere“ Route beschert. Mit ihrer 20 m-Neutour Krak des Chevaliers (7+) hat Steffi damit den obersten und zugleich sonnigsten Sektor eröffnet.

Falls du einen Abstecher zum besten Fels der bayerischen Voralpen machen willst: hier die aktuellen Topos vom Sebaldstein – von den Projekten bitte noch die Finger lassen!





Am 15. Juli findet die 19. Münchner Stadtmeisterschaft statt. Sie ist das Finale des Oberlandcup 2023, der sich aus der Gilchinger Meisterschaft (Bouldern + Lead), der Tölzer Stadtmeisterschaft (eher Lead) und der Münchner Stadtmeisterschaft (Bouldern) zusammensetzt.
Was die Münchner Stadtmeisterschaft aber ganz besonders auszeichnet ist die Handicapwertung, bei der seit vielen Jahren auch die Münchner Handicapstadtmeister ermittelt werden. Die findet erstmals wieder seit dem Pandemieausbruch Anfang 2020 wieder statt.

An 6 Routen können die handicapler in insgesamt 6 Klassen (Kinder Handicap und Special, sowie Damen und Herren jeweils Handicap und Special) ihr Können demonstrieren. Die Routen sind extra für die Handicap/Special-Klassen an freien Wänden geschraubt worden und reichen vom 3ten bis zum 8ten Grad.

Ein ganz besonderer Höhepunkt im Klettern erwartet damit die Münchner Kletter- und Boulderszene.
Ich freue mich schon darauf! 🙂 Anmeldung, Infos gibts hier…


Kürzlich habe ich über die bekannte iranische Klettererin Elnaz Rekabi und ihren Mut zur Freiheit berichtet. Ich habe meine Befürchtung geäussert, dass Elnaz unser aller Unterstützung benötigen wird, denn sie hat es gewagt ohne Kopftuch bei den Asian World Masterships zu klettern.
Leider haben sich meine Befürchtungen bestätigt. Elnaz wurde noch am selben Tag, an dem sie selbstbewußt ohne Kopftuch im südkoreanischen Seoul eine Spitzenkletterleistung darbot in die dortige iranische Botschaft entführt. Dort wurde sie „bearbeitet“ und zeitgleich ihr Bruder, der ebenfalls iranischer Klettermeister ist, im Iran festgenommen. Nach Elnaz Rekabi’s Ankunft im Iran wurde sie zu der Äußerung gezwungen, dass sie das Kopftuch versehentlich nicht aufgesetzt hätte. Das iranische Ministerium für Sport und Jugend garantierte dem IFSC und dem Olympischen Komitee, dass Elnaz Rekabi weiter bei internationalen Wettkämpfen antreten darf. IFSC und Olympisches Komitee veröffentlichten daraufhin dieses Statement (dumm-?) brav und vermittelten damit den Eindruck, dass nun alles gut sei. Genau das war ganz im Sinne des Mullah-Regimes. Dass gar nichts gut ist, zeigt schon alleine daran, dass leitende Angehörige des Sportministeriums die berüchtigste Aufstandsbekämpfungseinheit des Iran unter russischer Geheimdienstanleitung gegründet, ausgebaut und bis heute geführt haben. Diese Einheit ist für zahllose Morde an Oppositionellen im In- und Ausland bekannt. Sie war die erste iranische Einheit die nach Ausbruch der Revolution in Syrien, dorthin geflogen wurde und 1000de Syrer ermordet hat.

Nach der braven (naiven?) „Peace-Erklärung“ von Internationalem Olympischem Komitee und IFSC konnte die iranische Diktatur in aller Ruhe ihren Rachefeldzug* gegen Elnaz Rekabi und ihre Familie starten (5 weitere Kletterer*innen wurden mitlerweile ebenfalls vom Regime entführt). Elnaz Rekabi wurde sofort unter Hausarrest gestellt. Sie mußte unterschreiben, dass im Falle einer öffentlichen kritischen Äusserung von ihr, das gesamte Familieneigentum an das Mullah-Regime übergeht. Ab jetzt: kein Training, kein Kletterhallenbesuch, keine Kontakte, kein Handy. Da internationale Klettersportler*innen bekanntlich an 6 von 7 Tagen in der Woche trainieren, wird sich spätestens bis zum Jahreswechsel der Leistungszustand der Spitzensportlerin signifikant und für die Saison 2023 kaum mehr wiederherstellbar abgebaut haben. Spätestens dann darf die Garantiezusage des Regimes „Alles ist gut“ ganz offen als das bezeichnet werden, was sie von Anfang an war: eine Lüge um die internationalen Medien (und die Kletterszene) ruhig zu stellen.

Die Familie von Elnaz Rekabi ist weiteren Repressionen ausgesetzt: ein Bagger tauchte vor dem Haus von Elnaz Bruder Davoud auf und begann sein Haus** einzureißen. Davoud bekam zusätzlich eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht. Hier das Video mit dem zerstörten Haus und dem erschütterten Davoud davor. Zu sehen sind in dem Schutt auch die Medaillen, die Davoud als iranischer Klettermeister errungen hat:
Der Spiegel berichtete ebenfalls über die Zerstörung des Hauses der Rekabis.
Persönlich macht mich die Verfolgung von Elnaz Rekabi und ihrer Familie betroffen, denn ich beobachte seit Jahrzehnten die internationalen Kletterwettkämpfe. Elnaz Rekabi ist mir schon vor vielen Jahren als entschlossene Klettererin mit Herzblut aufgefallen. Eine Frau wie Elnaz wäre bei uns, in einer freiheitlichen Demokratie, sicherlich eine respektierte Sportlerin, egal ob sie einmal 10 Minuten mit oder ohne ein Stück Stoff auf ihrem Kopf geklettert ist. Anders sieht das in Diktaturen aus: die Diktatoren wissen, dass sie ohne Legitimation an der Macht sind und greifen deshalb jede*n an, derdie nicht im vorgegebenen Strom des Herrschers jubelnd mitschwimmt, auch wenn es sich dabei um nationale Meister ihres Sports handelt. Da Diktaturen zudem keiner inneren Kontrolle unterliegen, verwandeln sie sich unweigerlich immer mehr in eine Supermafia, die staatliche Merkmale nur als äussere Hülle zur Verschleierung ihrer inneren kriminellen Strukturen vortäuscht. Hinzu kommt im Falle der iranischen Diktatur ihr Charakter der extremen religiösen Intoleranz.

Elnaz Rekabi steht deshalb einer Diktatur gegenüber, die sich in 44 Jahren zu einem Horrormonster entwickelt hat: queere Menschen werden im Iran öffentlich an Baukränen aufgehängt. In Gefängnissen und „Polizei“stationen wird in der Regel gefoltert. Frauen (Männer nicht) werden bei Ehebruch in der Regel mit Peitschenhieben bestraft bisweilen sogar gesteinigt. Gerichtsurteile haben mehr mit Geldzahlungen zu tun als mit Rechtssprechung. Die Wirtschaft befindet sich zu 80% in den Händen des Regimes. Wirtschaftlicher Erfolg kommt im Iran nicht durch echte Leistung sondern durch Vitamin B zustande. Das Land ist nach 40 Jahren korrupt bis auf die letzte Haarwurzel.

Richtig wütend macht mich zusätzlich die Willkür dieser organisierten Unmenschlichkeit. Während Elnaz Rekabi und ihre Familie vom Mullah-Regime erpresst, bedroht und schwerst geschädigt werden, veröffentlichen zeitgleich diverse staatliche iranische Medien Fotos von Frauen ohne (!) Kopftuch wie sie (teilweise zusammen mit iranischen „Polizisten“) für das Regime im Iran anläßlich der WM in Katar auf den Straßen Teherans jubeln. Die gewissenlose Boshaftigkeit, mit der gegen Elnaz Rekabi vorgegangen wird, verdeutlicht letztlich aber nur eines:

Die Angst der Diktatoren vor einer Frau, die sich weigerte ein Kopftuch zu tragen. Damit sich diese lächerlichen Feiglinge nicht weiter an Elnaz Rekabi austoben können, appelliere ich, gemäß dem Motto von Wolfgang Güllich „klettern heißt frei sein“:
Vergesst diese mutige Frau nicht! Schützt ihr Leben!
Freiheit für Elnaz Rekabi!

*Anmerkung 1: in einer ersten Fassung dieses Beitrages habe ich geschrieben, dass die Rachekampagne des Regimes gegen die Familie seit Elnaz‘ Auftritt auf dem Internationalen Wettkampf in Seoul Mitte Oktober läuft. Dies scheint nach neuesten Erkenntnissen nicht der Fall zu sein. Das Regime hatte die Familie Elnaz schon vor fdem Wettkampf in Seoul im Visier. So mußte Elnaz eine Sicherheitssumme von 35.000 Euro vor ihrem Abflug an die Behörden per Check überreichen, mit der Garantieerklärung verbunden, dass sie nach dem Wettkampf wieder in den Iran zurückkehren würde.
** Anmerkung 2: Auch der Abriss des Hauses der Familie könnte bereits vor dem 16. Oktober vollzogen worden sein, denn der Sonnenstandswinkel weist auf ein früheres Datum, vermutlich September – zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Unruhen im Iran – hin.
Okt. 22
18

Ich habe die iranische Wettkampfklettererin Elnaz in den letzten Jahren schon öfters beobachtet auf internationalen Kletterwettkämpfen. Bei ihrem Training in der Boulderhalle und bei anderen Kletterveranstaltungen ist sie mir als eine entschlossene Kletterin aufgefallen. Sie ist in der internationalen Kletterszene bekannt, denn sie tritt seit 15 Jahren auf internationalen Kletterwettkämpfen an. Ich kenne ein paar Kletterer, die im Iran zu Besuch waren. Sie berichteten nach ihrer Rückkehr von einer lebendigen Kletterszene ähnlich wie in westlichen Ländern. In einigen großen iranischen Städten gibt es Kletterhallen. Auch nationale Kletterwettkämpfe werden regelmäßig abgehalten.

In dieser Szene ist Elnaz groß geworden. Sie klettert schon ca. 20 Jahre und sie klettert gut. Bei den Asienmeisterschaften Lead hat sie vor ein paar Tagen den 4. Platz gemacht. Was sie dort auch gemacht hat: Sie ist als zweite iranische Sportlerin ohne das vom iranischen Regime vorgeschriebene Kopftuch (Hijab) angetreten und hat damit die Vorschriften des klerikalen Mullahregimes offen ignoriert. Brisant ist Elnaz‘ Selbstbewußtsein auch deshalb, weil im Iran täglich 1000de von Frauen gegen den Kopftuchzwang protestieren.
Für ihren Mut wird Elnaz seitdem nicht nur in der internationalen Kletterszene gefeiert. Was vielen Elnaz-Fans bis gestern Abend jedoch nicht bewußt war: sie ist damit in höchster Gefahr. Das iranische Regime ist ein mörderisches Regime. Letztes Jahr hat es einen berühmten Iranischen Sportler zu Tode gefoltert und dann überraschend seine Hinrichtung verkündet. Der Iran hat ausserdem zusammen mit dem kriegslüsternen Russland mittels importierter Söldner in den letzten 10 Jahren 100.000de Menschen in Syrien abschlachten lassen. Ausserdem werden im Iran grausame Urteile von den dortigen Richtern ausgesprochen. Das theokratisch-inquisitorische Regime weist z.B. weltweit die höchste staatlich legitimierte Tötungsrate auf. Ein weiteres aussagekräftiges Beispiel: während bei uns alljährlich 100.000de teilweise mit offiziellen Weihen den Christopher Streep Day feiern, werden dagegen im Iran Menschen für ihre gleichgeschlechtliche Neigung gemäß richterlichem Urteil erhängt. Darüber hinaus ist der Iran für sein zutiefst korruptes Herrschaftssystem bekannt. Wer im Iran in die Fänge der „Polizei“ gerät, ist alles andere als sicher. So verstarb die 22 jährige Kurdin Jina (Mahsa) Amini vor einem Monat in der „Polizei“haft, nachdem sie kurz zuvor festgenommen worden war. Grund der Festnahme: der Hijab bedeckte angeblich nicht vorschriftsgemäß ihre Haare.
Seit dem Tod von Jina Amini protestieren im ganzen Iran 1000de von Frauen gegen den Kopftuchzwang. Gestern brach ein Aufstand im berüchtigten Teheraner Ewin-Gefängnis aus. Dort sind 1000de Oppositionelle eingesperrt, darunter auch 100te die kürzlich auf den Straßen Teherans protestierten. Mindesten 8 Gefangene starben bisher offiziell bei dem Aufstand im Ewin-Gefängnis, als das Regime Schusswaffen gegen die aufständischen Gefangenen einsetzte. Unbestätigten Berichten zufolge sollen jedoch dutzende Gefangene erschossen worden sein.

Die ebenfalls bekannte iranische Kletterin Nasim Eshqi ist inzwischen in den Westen geflohen. Schon hat ein weiterer iranischer Sportler „Flagge gezeigt“. Bei den Weltmeisterschaften im Armdrücken hat sich der iranische Vertreter offen neben der Flagge Israels aufgestellt, was im Iran der Mullahs als Kapitalverbrechen behandelt wird.
Gestern wurde Daud Rekabi, der Bruder von Elnaz, der auch iranischer Klettermeister ist, in Teheran vom berüchtigten Geheimdienst IRGC verhaftet, besser: gekidnapt, denn Daud ist seitdem verschwunden. Auch Elnaz ist seit gestern verschwunden, sie sollte sich eigentlich zusammen mit dem iranischen Kletterteam auf dem Rückflug von den Asian Championships in Seoul nach Teheran befinden. Es könnte sein, dass die entschlossene Elnaz nicht die Flucht in den Westen antreten, sondern nach Teheran zurückkehren wird. Dann wird sie unser aller Unterstützung benötigen.

Letzte Meldung: Elnaz wurde in den Iran entführt, ihr Handy beschlagnahmt. Soeben kommt eine höchst ungewöhnliche Erklärung auf ihrem Instaaccount (via ihrem Handy, das ihr der Geheimdienst abgenommen hat): sie bereut alles… und das in der Welt von 2022!
Meldung 20. Oktober, etwas zu den Hintergründen wie es mit Elnaz nach ihrer Ankunft weiterging:

*Korrektur: ursprünglich hatte ich geschrieben, dass Elnaz die erste Sportlerin sei, die das Kopftuch bei einem internationalen Wettkampf abgenommen hat. Das ist nicht richtig. Am Tag zuvor hat eine iranische Boxerin das Kopftuch auf einem internationalen Wettkampf abgenommen. Sie reiste danach nicht mehr zurück in den Iran.
Die schlimmen Gerüchten bestätigen sich leider(Spiegel 22.10.2022). Elnaz wurde entführt, gefangen gehalten, erpresst und zu einer Erklärung gezwungen – alle diese Gerüchte waren bis zum dritten Tag nach dem Wettkampf im Umlauf. Das Mullah-Regime twitterte dazu Fake, Fake, Fake – aber sie waren eben kein Fake, sondern die iranische Theokratur hat mit Elnaz das gemacht, was sie sonst in solchen Fällen eben auch immer macht:
Der Bin-Weg-Bouldern Podcast hat dazu ein interessantes Interview mit iranischen Boulderern gemacht.