Omar Alshogre – Phönix aus der Asche (II)

Im Juli diesen Jahres habe ich eine Neutour nach Omar Alshogre  benannt. Omar Alshogre ist ein junger Mann, der Unfassbares überstanden und Unfassbares geleistet hat. Wie der Phönix aus der Asche hat er sich von seinem Totenbett erhoben, um Licht ins Dunkle zu bringen. Die Geschichte von Omar Alshogre ist nicht schön, sie wird dich nicht erfreuen. Sie richtet nicht auf, sie gibt keine Perspektive. Aber vielleicht steht diese Geschichte doch für ein  kleines Licht der Hoffnung?

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Omar Alshogre hat allen Grund sich zu freuen!

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Omar Alshogre zu Besuch im amerikanischen Verteidigungsministerium

 

In den folgenden Abschnitten wird schwerste körperliche und psychische Gewalt in Zusammenhang mit Folter beschrieben

Omar wurde 1995 in der Kleinstadt Bayda am Ufer des Mittelmeeres, ungefähr eine Flugstunde von Kalymnos entfernt, geboren. 2011 brachen Proteste gegen die Assad-Diktatur in Omar’s Heimat Syrien aus. Millionen Menschen gingen auf die Straße und protestierten friedlich gegen Vetternwirtschaft, Korruption und Unterdrückung, demonstrierten für Freiheit und Demokratie. Auch der verschlafene 5000-Seelen-Ort Bayda, in dem Omar aufwuchs, schloss sich dem Aufstand an. Von Anfang reagierte der syrische Diktator Assad mit brutaler Gewalt. Im folgenden Video wird ein getöteter Demonstrant als Märtyrer durch die Straßen von Bayda getragen. Er war auf einer der allerersten Demonstrationen, die am Tag zuvor in Bayda stattfand, ermordet worden.

Aber die Bewohner von Bayda liessen sich nicht beirren. Seit 40 Jahren litten sie unter der Diktatur. Sie wollten endlich fei sein. Gerade die Jugendlichen kannten normale Verhältnisse (wie bei uns) nur aus dem Fernsehen. In ihrer Heimat Syrien herrschte Willkür und Mißwirtschaft. Und so löste in Bayda eine Demonstration die nächste ab. Auch Omar nahm an zahlreichen Protesten teil, so wie fast alle Jugendlichen in Bayda. Omar sagt heute: „Ich war mit 15 Jahren eigentlich unpolitisch, wollte eigentlich nur endlich frei sein.“ Der folgende Film dokumentiert eine friedliche Sitzblockade der Jugend auf der Verbindungsstraße ein halbes Jahr später, am 26.10.2011, direkt unterhalb von Bayda am Mittelmeerstrand. Die Jugendlichen rufen „Hurriya“ (arab. Freiheit).

Bereits 2011, im ersten Jahr der syrischen Revolution, wurde Omar von der Geheimpolizei des Regimes mehrmals verhaftet. In den geheimen Verhörzentren wurde Omar regelmäßig zusammengeschlagen. Er wurde jedoch, im Gegensatz zu anderen, immer wieder frei gelassen, denn sein Vater war ein verdienter Soldat der Armee. Wie die allermeisten Syrer dachte Omar trotz der Repressionen nicht daran, sich zu unterwerfen. Er protestierte weiter friedlich und öffentlich gegen die Brutalitäten und Ungerechtigkeiten des Regimes. Im folgenden Video beschreibt er das Gefühl, das er damals hatte:

Bis 2012 wurde Omar bereits 7 Mal festgenommen und anschliessend mißhandelt. Im selben Jahr verschleppten ihn seine Häscher in ein berüchtigtes Folterzentrum, die „Abteilung 215″, die sich in der Hauptstadt Damaskus befindet. Der 16 jährige Omar wurde dort wiederholt mit Elektroschocks gefoltert und mit Metallstangen und Kabeln schwer verletzt. Ihm wurden die Fingernägel ausgerissen. Omar war mit drei Cousins und 65 weiteren Demonstranten ein Jahr lang in einer winzigen Zelle eingepfercht. Sie alle wurden dort regelmäßig gefoltert.

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Die Abteilung 215 ist eine von 100ten von Folterzentren, die über ganz Syrien verstreut vom Regime Assads betrieben werden. Branch 215 befindet sich im Zentrum der syrischen Hauptstadt Damaskus und ist sogar auf Google zu finden.

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Ein Militärfotograf (Caesar) hat Fotos von tausenden Leichen von zu Tode Gefolterten aus Syrien herausgeschmuggelt. Jede Leiche hatte eine Nummer mit Edding auf die Stirn geschrieben.

Bisweilen wurde Omar gezwungen,  seinen Cousin Rashad selbst zu foltern. Familienangehörige zu zwingen, sich gegenseitig zu foltern oder auch zu vergewaltigen ist eine in den syrischen Folterzentren oft angewandte Methode, die in einzelnen Fällen sogar auf Video dokumentiert ist. 2013 starb Rashad nach der Folter. Omar mußte für die Gefängnisverwaltung die Toten auf der Stirn numerieren. Omars zweiter und liebster Cousin Bashir starb im Jahr darauf an den Folgen der Folter und einer Tuberkulose-Infektion. Auch er wurde von Omar numeriert. Diese „Dokumentationsmethodik“ stammt von ehemaligen SS-Männern, die sich nach dem zweiten Weltkrieg von Deutschland zuerst nach Ägypten und dann nach Syrien abgesetzt und dort in den Folgejahren die syrischen Geheimdienste und deren Foltersystem mit aufgebaut hatten. Im Folgenden ein Video von Omar Alshogre, in dem er beschreibt, was er in der Abteilung 215 erleben musste.

2014, körperlich und seelisch bereits schwerst verletzt, wurde Omar nach Sednaya, das berüchtigste Folterzentrum Syriens, verlegt.  Sednaya hat lt. der Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch nur einen einzigen Sinn: die Insassen gezielt zu Tode zu foltern. Viele sterben bereits nach wenigen Tagen oder Wochen, die wenigsten überleben länger als ein paar Monate. Kaum jemand ist überhaupt wieder lebend aus Sednaya herausgekommen. Lt. dem amerikanischen Geheimdienst CIA besteht der Verdacht, dass in Sednaya jede Woche 50 Insassen gezielt ermordet und danach in einem Krematorium auf dem Gefängnisgelände verbrannt werden. Regelmäßíg brechen in anderen syrischen Gefängnissen Aufstände aus, wenn Gefangene nach Sednaya verlegt werden sollen, denn das ist gleichbedeutend mit einem fast sicheren Todesurteil. Omar sagt, im Vergleich zu Sednaya sei die Abteilung 2015 der Himmel gewesen. Im folgenden Video berichtet Omar von seinem Martyrium in Sednaya und wie er dort wieder herauskam.

In Sednaya erreicht die Vernichtungsmaschinerie des syrischen Regimes ihre grausamste Ausprägung. Sie wird sowohl von der israelischen Holocaust -Gedenkstätte Jad Vashem als auch dem New Yorker Holocaust Museum als syrischer Holocaust bezeichnet. In Syrien ist allen bekannt, was in Sednaya passiert. Omars Mutter hatte zum Glück mitlerweile durch  Bestechung der Geheimpolizei herausgefunden, dass Omar in Sednaya und noch am Leben war. Sie sammelte 20.000 Dollar, um ihn freizukaufen. Nach einer Scheinhinrichtung am Stadtrand von Sednaya, bei der er bewusstlos zusammenbrach, ließen ihn seine Folterknechte einfach auf der Straße liegen. Als Omar gefunden wurde, war er mit Tuberkulose infiziert, konnte nicht mehr klar reden und wog nur noch 34 kg. Er konnte sich kaum noch selbst fortbewegen und litt unter Amnesie. Als er nach Tagen identifiziert wurde, wurde er in die Türkei zu seiner inzwischen geflohenen Mutter gebracht. Er war vollkommen apathisch und erkannte seine Mutter nicht mehr. Omar hatte nur ganz knapp überlebt.

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Omar als 14 Jähriger vor seiner Verschleppung und als 18 Jährige nach seiner Freilassung.

Bereit im Gefängnis hatte er gehört, dass in Bayda ein Massaker stattgefunden hatte. Nach seiner Freilassung erfuhr er die Details. 2013 hatten die sogenannte Shabiha im Auftrag des Assad-Regimes sein Heimatdorf Bayda überfallen und mindestens 75 Einwohner grausam niedergemetzelt. Der Vater von Omar, sein ein Jahr jüngerer Bruder und sein älterer Bruder wurden vor den Augen von Omar’s Mutter ermordet. Auch einige seiner besten Jugendfreunde wurden abgeschlachtet. Das Massaker von Bayda ist nur eines von vielen, die in dieser Zeit stattfanden. Häufig wurden die Szenen auf Video aufgenommen, die danach den Angehörigen zugespielt wurden. Omar Alshogre hat ein Video, das die Ermordung seiner Familienangehörigen dokumentiert.

Der folgende Film zeigt Bilder von verstümmelten Leichen

Im Herbst 2015 griff das russische Kreml-Regime die Regionen und Städte Syriens, die weiter Widerstand gegen Assad leisteten, mit Kriegsflugzeugen an. 1,5 Millionen Syrer (darunter auch Omar) emigrierten daraufhin in die EU, davon knapp 800.000 nach Deutschland. Omar war jemand, der mit viel Glück den Horror in Syrien überlebt hatte, einer von 12 Millionen Syrern, die vor dem Terrorregime Assads geflüchtet sind. Psychologen und Mediziner von NGO’s schätzen, dass praktisch jede syrische Familie traumatisiert ist. Omar bekam in Schweden Asyl. Er ist einer der wenigen Menschen, die in den letzten 10 Jahren Sednaya überlebt haben.

Nachdem er wieder zu Kräften gekommen war, lernte er in kürzester Zeit Englisch und Schwedisch. Er begann, über die Verbrechen des syrischen Regimes aufzuklären. Fast wöchentlich erzählte er, was ihm widerfahren war. Ein Jahr nach seiner Flucht trat Omar in Amerika und Europa in Schulen, Clubs, auf Versammlungen, in Universitäten, auf Kongressen,  Demonstrationen, vor Ermittlungsbehörden, vor NGO’s, im Fernsehen und im Radio auf. Mittlerweile tritt Omar auch vor einflussreichen internationalen Politikern auf.

Er nahm als Zeuge an einer Anhörung im US-amerikanischen Senat teil. Er trat vor den Ermittlern des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag auf. Er kann inzwischen perfekte Spontaninterviews in englisch, schwedisch und arabisch geben und wird nicht müde, über die Verbrechen des Regimes in Syrien zu berichten. Er redet mit den Händen, mit ausdrucksstarker Mimik, so dass man seinen Erzählungen gebannt folgt. Er wirkt ruhig und gefasst, strahlt auch häufig Freude und Zufriedenheit aus. Seine Scheinhinrichtung sollte ihm eine letzte Warnung sein, bloß den Mund zu halten. Er macht bewußt das Gegenteil. Omar, der sympathische junge Mann aus Bayda, bietet dem Schlächter Assad die Stirn.

Omar hat die Worte Hass und Rache aus seinem Wortschatz gestrichen. Er sagt: „Meine Rache ist es, die Menschenrechte gegen das Regime in Syrien durchzusetzen und damit die Rache selbst zu besiegen.“ Ständig reflektiert er während seiner Aufklärungsarbeit über seine inneren Gedanken. Er will Gerechtigkeit für die Opfer des Assad-Regimes. Er will die Schergen des Geheimdienststaates Syrien vor ordentliche Gerichte bringen. Er will, dass die Mörder in fairen Prozessen verurteilt werden. Er hat eine bewundernswerte Entwicklung vollzogen – wie ein Phönix aus der Asche.

Im Frühjahr 2020 wird Anwar R., der Leiter der berüchtigten Abteilung 215, in der Omar 21 Monate seines Martyriums verbrachte, als erster Vertreter des Folterregimes wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt (Oberlandesgericht Koblenz in Deutschland). Omar Al-Shogre ist einer von etwa 100 Zeugen der Anklage. Zwei Dutzend weitere Folteropfer der Abteilung 215 treten in diesem Prozess als Zeugen auf. Medien aus der gesamten Welt verfolgen diesen ersten Musterprozess höchst aufmerksam und berichten ausführlich darüber. Inzwischen haben die Niederlande erklärt, dass sie den Kopf des Folterregimes, Präsident Assad, persönlich vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag anklagen wollen. Frankreich ermittelt dazu ebenfalls. Omar Al-Shogre hat einen der bedeutendsten Beiträge dazu geleistet, dass selbst die Führung des Assad-Regimes vor Ermittlungen nicht mehr sicher ist.

Es gibt einen Vogel, der in seinen Tod verliebt ist

Der, um eines Neuanfangs willen

Wird sich lebendig verbrennen.

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(Adunis ist der Künstlername von Ali Ahmad Said Esber , syrischer Dichter, seit 1988 regelmäßig für den Literaturnobelpreis nominiert, forderte 2011 den syrischen Diktator Assad zum Rücktritt auf)

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Der mythische Vogel Phönix steigt aus der Asche auf (Darstellung 12. Jahrhundert n. Chr.)

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Omar hat allen Grund zu strahlen – er ist der Phönix aus der Asche!

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