Carpe Diem

Der Sektor Parterre bietet mit den schönsten Fels der gesamten Krettenburg. Nils klettert Pilastro; Foto: Jo Stark

Der Sektor Pilastro bietet mit den schönsten Fels der gesamten Krettenburg. Er reicht von „Black Power“ bis „Bergzeit Daheim“.  Nils klettert die gleichnamige Route „Pilastro“ (7c); Foto: Jo Stark

Die „frische“ Jahreszeit ist angebrochen. Die Hallen sind wegen der Pandemie aktuell wieder geschlossen, so steht zwangsläufig „Fels“ auf der Agenda kletternder Menschen. Die herbstlichen Farben, der weite Blick und die Stille der Natur sind um diese Jahreszeit besonders eindrucksvoll. Auch wenn es bisweilen recht zapfig ist, so gilt gerade im Spätherbst das Motto: Carpe Diem (Lat.: Nutze den Tag), denn gerade jetzt besteht die beste Gelegenheit, sich bei Sonnenschein an Microgriffchen hochzuzerren (Erklärung für „Uneingeweihte“: je wärmer – sprich: sonniger – desto rutschiger die Griffe, das gilt natürlich besonders bei kleinen Griffen).

Blick von der oberen Firstalm hinüber zum Jägerkamp

Blick von der oberen Firstalm hinüber zum Jägerkamp; Foto: Steffi Schabert

Vor zwei Wochen hatte mir meine jüngste Tochter ihr Projekt an der Krettenburg übergegeben. Die Krettenburg im nahen Spitzingseegebiet hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe neuer, hervorragender Routen in fast allen Schwierigkeitsgraden dazugewonnen. Bereits während des ersten Lockdown in 2020 hatte ich eine Neutour an der Krettenburg (Pilastro/7c) erschlossen. das Projekt meiner Tochter befindet sich nur 50 m rechts neben der Pilastro und versprach ähnlich schwer zu werden. Auf einen harter Einstiegsboulder an scharfen Leistchen folgt ein schräger Riss einer bereits existierenden Route (Quo Vadis/7a), der zu einem sehr guten Schüttelpunkt führt (die Quo Vadis zweigt hier rechts ab). Vom Schüttelpunkt geht es über eine abdrängende Stelle an scharfen Microleistchen (Crux) straight up und mittels eines kleinen Dyno an einen fetten Henkel. Die plattigen Restmeter klettern sich leicht und sind identisch mit der Quo Vadis.

Spätherbst an der Krettenburg

Spätherbst an der Krettenburg; Foto: Steffi Schabert

Bereits vor drei Wochen startete ich einige vergebliche Versuche in dem Projekt. Selbst nach Sonnenuntergang war die Wand noch zu warm um die kleinen, bissigen Leistchen zu halten.  Gestern versuchte ich es erneut. Obwohl bereits eine geschlossene Schneeschicht am Wandfuss lag, war es in der Sonne immer noch recht warm. Während ich die Schüsselstelle erneut ausboulderte, wollte mir das Halten der Griffchen immer noch nicht gelingen, auch beim Start aus dem Hängen hatte ich keine Chance, zu schmierig. Mehrmals rutschte ich ab, bei mir kam Frust auf. Als jedoch am Nachmittag die Sonne hinter dem nahen Bergrücken verschwunden war, traf überraschend Kairos, der Gott der guten Gelegenheit, an der auf 1500 m üNN gelegenen Krettenburg ein. Er brachte klamme Kälte mit sich, die die Temperaturen fast schlagartig Richtung Null Grad fallen ließ.

Am Einstieg der Carpe Diem (7c)

Am Einstieg der Carpe Diem (7b+); Foto: Steffi Schabert

Ich beschloss diese Gelegenheit des Kairos am Schopf zu packen, besser ausgedrückt: ich packte die Einstieggriffe und startete los. Im Einstiegsboulder riss es mir die rechte Hand aus einem Leistchen und ich stürzte – aua, das kostete Haut. Ob ich die Route heute noch klettern kann? Zweifelhaft, aber wenn dann sollte ich es jetzt noch einmal versuchen, denn in 10 Minuten wird es sicherlich so kalt geworden sein, dass mir die Finger hoffnungslos einfrieren werden! Ich startete ein zweites Mal, jetzt mit einer Einstellung von „Alles oder Nichts“. Der Einstiegsboulder gelang und ich fand mich schweratmend an der Schüttelstelle ein. Während ich versuchte etwas zu entspannen und die Finger wieder aufzuwärmen, ging ich im Kopf noch einmal jedes Bewegungsdetail der nächsten 4 m durch. Dann griff ich mit vollem Elan an und boulderte in die Crux hinein.

Die Krettenburg liegt direkt über den Almen der Firstalm; Foto: Markus Stadler

Die Krettenburg liegt direkt über den Wiesen der Firstalm; Foto: Markus Stadler

Zu meiner Überraschung konnte ich die fiesen Beisser besser fixieren als jemals zuvor und mit einem Schrei der eine Mischung aus Entschlossenheit und Überraschung wiederspiegelte, schnappte ich in den rettenden Henkel. Die letzten 8 Meter hinaufgetänzelt und das Projekt war kein Projekt mehr. Es war geschafft, ich hatte den Tag genutzt! Mit einem Gefühl großer Zufriedenheit, verließ ich die Krettenburg und ihre herrliche, spätherbstliche Gebirgsumgebung. In Anlehnung an die besondere Atmosphäre, die ich genießen durfte und die aussergewöhnlich passenden Bedingungen, die meinen Erfolg möglich machten, taufte ich das Kind auf den Namen „Carpe Diem“ (Nutze den Tag/7b+).

Anmerkung:„Markus Stadler ist fleissig dabei den Führer „Bayer. Alpen 3 – von Bayerischzell bis Benediktbeuren“, in dem auch die Krettenburg enthalten ist, zu aktualisieren – soll 2021 erscheinen.“

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Die Tablettübung

Eine weitere Übung zur Verbesserung der Schulterkoordination ist die Tablettübung. Sie ist ähnlich schwer (manche meinen schwerer) als die Betübung. Die Tablettübung empfehle ich um das Zusammenspiel von korrekter Schulterstellung bei Überkopfbewegungen in Kombination mit der passenden Bauchspannung zu üben. Wichtig: bei allen Übungen zur Verbesserung der Koordination der Schulter geht es vorrangig um eine präzise Ausführung. Kommst du an den Punkt der Bewegung an dem deine Schultern die axial-zentrierte Stellung verlassen, mußt du die Bewegung stoppen, dann ein kleines Stück die Bewegung zurücknehmen, die Schultern wieder axial-zentriert einstellen und dann sehr vorsichtig versuchen die Range ein kleines Bischen zu erweitern. Das vorsichtige Erweitern der präzisen Bewegung ist die eigentliche Übung und nicht der erzwungene und koordinativ falsch ausgeführte Versuch die Range auf das Ausmaß zu bringen, das ich in meinen Videos demonstriere (ich habe dafür teilweise jahrelang üben müßen um diese Übungen flüssig und präzise demonstrieren zu können)!

Weitere Übungen zur Verbesserung der Schulterkoordination:

Die Vertikalübung (am besten vor dem Spiegel üben)

Die Horizontalübung (am besten vor dem Spiegel üben)

Die Betübung (am besten vor dem Spiegel üben)

Die Adlerübung

 

 

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Spielerisches Leistungstraining im LLZ Augsburg

Eine weitere Fortbildung leitete ich Ende September zusammen mit Chris Häussler vom Lehrteam der Jugend des DAV im Landesleistungszentrum (LLZ) des Bergsportfachverbandes Bayern (BFB) für das DAV-Bundeslehrteam Leistungsklettern. Damit Leistungsklettern auch die jungen Talente anspricht gilt es das Training spielerisch zu gestalten. So lautete das Thema der Fortbildung dementsprechend „Spielerisches Leistungstraining“. 12 TrainerInnen hatten über die 2 Tage eine Menge Spaß, wie in den beiden kleinen Videos zu sehen ist.

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Boulderkurs im Zillertal

Im „unteren“ Sektor der Kaserler Alm wimmelte es von Boulderern

Im „unteren“ Sektor der Kaserler Alm wimmelte es von Boulderern

Im Frühherbst leitete ich zusammen mit Hans Hocke für das DAV-Bundeslehrteam Sportklettern eine Boulderfortbildung im Tiroler Zillertal. Das Zillertal wartet um diese Jahreszeit mit einer magischen Atmosphäre auf. Auf den schneebedeckten Felsspitzen der 3000er ist bereits der Winter eingezogen, an den darunterliegenden, steil abfallenden Hängen lassen sich die Entwicklungsstufen des Herbstes ablesen. Unterhalb des Schnees folgen braune Grashänge, die sich ab der Baumgrenze orange präsentieren.

Prozession der Bouldermattenträger im Ginzlinger Tal

Prozession der Bouldermattenträger im Ginzlinger Tal

Mit jedem Meter tiefer werden die Farben der Natur satter und grüner. Unten im Tal führt bei  Temperaturen deutlich über 20° noch der Spätsommer seine Regie. Nachts, wenn es aufklart kann es jedoch schon kälter werden. Gut so, dann hat der Fels am nächsten Tag den gewünschten Grip um auch kleine Microgriffchen „nageln“ zu können.

Magisches Zillertal im Frühherbst: auf den Bergspitzen leuchtet der erste Schnee, unten im Tal ist fast noch Sommer

Magisches Zillertal im Frühherbst: auf den Bergspitzen leuchtet der erste Schnee, unten im Tal ist fast noch Sommer

Beste Bedingungen also für das Klettern an den Boulderblöcken des „Chillertales“. Interessierte Teilnehmer, aus einem breiten Spektrum der deutschen Trainerszene, genossen zwei Tage mit harten Zügen am Granit. Wieder einmal habe ich festgestellt, dass von den nahegelegeneren Bouldergebieten, das Zillertal zur Recht besonders beliebt ist.

Auch die Ziegen scheinen die lauschige Atmosphäre im Sundergrund zu geniessen.

Auch die Ziegen scheinen die lauschige Atmosphäre im Sundergrund zu geniessen.

Erfreulich auch, dass es mir gelang „Firewalk“ (7A+) am bekanntesten Boulderblock des Sundergrund zu ziehen. „Firewalk“ ist das was noch von „Moonwalk“ übrig geblieben ist. Vor einigen Jahren entfachten einige Einheimische unter dem Boulderblock ein Lagerfeuer, wodurch eine große Granitplatte mit den entscheidenden Griffen aus der Wand platzte. Mein Fazit: „Moonwalk“ war ein hervorragender Boulder aber „Firewalk“ macht fast genauso viel Spaß.

Der zerstörte "Moonwalk"; Foto: Outdoor Magazin

Der zerstörte „Moonwalk“; Foto: Outdoor Magazin

Deutsche Meisterschaft Speed in Hamburg

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Die Speedwand in der Europa-Passage in Hamburg, links Sandra Hopfensitz ( Deutsche Vizemeisterin Augsburg) rechts Franzi Ritter (Deutsche Meisterin, Wuppertal) im Finalelauf um den Sieg.

Trotz der fehlenden Zuschauer war die Veranstaltung hochspannend. Zum Einen hat sich einiges getan bei den deutschen Athleten und Athletinnen in der letzten Zeit, was sich in einer hohen Anzahl von sehr schnellen Läufen niederschlug. Zum anderen wurden zwei neue Deutsche Rekorde aufgestellt. Anna Apel aus „meinem“ Kletterteam München & Oberland stellte zum dritten Mal in diesem Jahr einen neuen deutschen Rekord in der weiblichen Jugend B auf und wurde souverän Deutsche Meisterin in der Jugend B. Anna blieb mit ihrer Zeit als 15 Jährige nur eine 10tel Sekunde unter dem bis dahin aktuellen Deutschen Damenrekord. Der wurde allerdings im folgenden Erwachsenendurchgang von der Rekordhalterin Nuria Brockfeld erneut um zwei 10tel verbessert. So bleibt es Anna Apel im kommenden Jahr, wenn sie erstmals bei den Damen antreten darf, einen neuen Deutschen Rekord aufzustellen. Ich drücke ihr dazu jedenfalls die Daumen!

Anna Apel, die neue Deutsche Meisterin Jugend B mit der Goldmedaille am vergangenen Sonntag in HamburgAnna Apel, die neue Deutsche Meisterin Jugend B mit der Goldmedaille am vergangenen Sonntag in Hamburg

Interview mit Anna Apel auf München & Oberland Page…

Bericht des Deutschen Alpenverein…

Bericht des NDR (incl. Videoaufnahmen)…

Ergebnisse auf Digitalrock: auf das DAV-Logo clicken, dann auf „Wettkampfkalender, Infos, Ergebnisse“…

 

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Die Horizontalübung

Auch die Horizontalübung zur Verbesserung der Schulterkoordination habe ich von Hajo Friederich übernommen. Diese Übung fällt den Meisten etwas schwerer als die Vertikalübung. Die Horizontalübung sollte von Kletternden genauso mit schlafwandlerischer Leichtigkeit korrekt ausgeführt werden können, wie die etwas leichtere Vertikalübung.

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Die Vertikalübung

Die Vertikalübung ist eine der Grundübungen zur Verbesserung der Schulterkoordination. KletteranfängerInnen, sollten sie „im Schlaf beherrschen“. Die Vertikalübung habe ich in einer Fortbildung von Hajo Friederich vermittelt bekommen.

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Blackbox Syrien

Vor einer Woche veröffentlichte ich auf diesem Blog den Bericht zu Omar Al-Shogre (II). Der Beitrag wurde in den letzten Tagen täglich von bis zu 700 Besuchern angeclickt. Scheinbar hat mein Bericht zu Omar Al-Shogre viele die mich kennen interessiert. Für den Fall, dass auch Interesse an Hintergrundwissen zu Syrien besteht habe ich einen sehr guten Tip. Vor kurzem wurde auf Arte ein hervorragender Bericht „Blackbox Syrien -der schmutzige Krieg“ veröffentlicht.

Es gibt keine besser Dokumentation, die die Vorgänge im Syrien der letzten 20 Jahre, in 1,5 Stunden umfassend, verständlich UND KORREKT wiedergibt. Prädikat: absolut sehenswert!

Alle 6 Monate findet eine Konferenz der deutschen Innenminister statt, auf der darüber entschieden wird, ob syrische Flüchtlinge nach Syrien abgeschoben werden dürfen. Der nächste Termin ist der 6. Dezember 2020. Wie aus dem ARTE-Film zu ersehen ist, ist in Syrien niemand sicher. Eine Abschiebung nach Syrien, wird von keinem demokratischen Land der Welt (offen) durchgeführt. Auf Open-Petition liegt eine Unterschriftenliste von SyriaNotSafe aus, mit der an die Innenminister appelliert wird, nicht nach Syrien abzuschieben. Die Liste wird an die Innenministerkonferenz übergeben.

Hier geht es zur Unterschriftenliste…

 

 

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Omar Alshogre – Phönix aus der Asche (II)

Im Juli diesen Jahres habe ich eine Neutour nach Omar Alshogre  benannt. Omar Alshogre ist ein junger Mann, der Unfassbares überstanden und Unfassbares geleistet hat. Wie der Phönix aus der Asche hat er sich von seinem Totenbett erhoben, um Licht ins Dunkle zu bringen. Die Geschichte von Omar Alshogre ist nicht schön, sie wird dich nicht erfreuen. Sie richtet nicht auf, sie gibt keine Perspektive. Aber vielleicht steht diese Geschichte doch für ein  kleines Licht der Hoffnung?

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Omar Alshogre hat allen Grund sich zu freuen!

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Omar Alshogre zu Besuch im amerikanischen Verteidigungsministerium

 

In den folgenden Abschnitten wird schwerste körperliche und psychische Gewalt in Zusammenhang mit Folter beschrieben

Omar wurde 1995 in der Kleinstadt Bayda am Ufer des Mittelmeeres, ungefähr eine Flugstunde von Kalymnos entfernt, geboren. 2011 brachen Proteste gegen die Assad-Diktatur in Omar’s Heimat Syrien aus. Millionen Menschen gingen auf die Straße und protestierten friedlich gegen Vetternwirtschaft, Korruption und Unterdrückung, demonstrierten für Freiheit und Demokratie. Auch der verschlafene 5000-Seelen-Ort Bayda, in dem Omar aufwuchs, schloss sich dem Aufstand an. Von Anfang reagierte der syrische Diktator Assad mit brutaler Gewalt. Im folgenden Video wird ein getöteter Demonstrant als Märtyrer durch die Straßen von Bayda getragen. Er war auf einer der allerersten Demonstrationen, die am Tag zuvor in Bayda stattfand, ermordet worden.

Aber die Bewohner von Bayda liessen sich nicht beirren. Seit 40 Jahren litten sie unter der Diktatur. Sie wollten endlich fei sein. Gerade die Jugendlichen kannten normale Verhältnisse (wie bei uns) nur aus dem Fernsehen. In ihrer Heimat Syrien herrschte Willkür und Mißwirtschaft. Und so löste in Bayda eine Demonstration die nächste ab. Auch Omar nahm an zahlreichen Protesten teil, so wie fast alle Jugendlichen in Bayda. Omar sagt heute: „Ich war mit 15 Jahren eigentlich unpolitisch, wollte eigentlich nur endlich frei sein.“ Die Revolution wurde von Anfang an von fast allen Bevölkerungsgruppen Syriens unterstützt. Im folgenden Video erklärt der christliche Geistliche von Bayda seine Unterstützung für Forderungen der Demonstranten.

Jugendliche Demonstranten blockieren einen Panzer bei Ausbruch der syrischen Revolution im Frühjahr 2011 direkt bei dem Heimatort von Omar Alshogre.

Eine der vielen Schülerdemos in Banyas, dort wo Omar Alshogre zur Schule ging. Die Schüler skandieren: „Das Volk! Es will! Den Sturz der Diktatur!“

Bereits im ersten Jahr der syrischen Revolution, wurde Omar von der Geheimpolizei des Regimes mehrmals verhaftet. In den geheimen Verhörzentren wurde Omar regelmäßig zusammengeschlagen. Er wurde jedoch, im Gegensatz zu anderen, immer wieder frei gelassen, denn sein Vater war ein verdienter Soldat der Armee. Wie die allermeisten Syrer dachte Omar trotz der Repressionen nicht daran, sich zu unterwerfen. Er protestierte weiter friedlich und öffentlich gegen die Brutalitäten und Ungerechtigkeiten des Regimes. Im folgenden Video beschreibt er das Gefühl, das er damals hatte:

Bis 2012 wurde Omar bereits 7 Mal festgenommen und anschliessend mißhandelt. Im selben Jahr verschleppten ihn seine Häscher in ein berüchtigtes Folterzentrum, die „Abteilung 215″, die sich in der Hauptstadt Damaskus befindet. Der 16 jährige Omar wurde dort wiederholt mit Elektroschocks gefoltert und mit Metallstangen und Kabeln schwer verletzt. Ihm wurden die Fingernägel ausgerissen. Omar war mit drei Cousins und 65 weiteren Demonstranten ein Jahr lang in einer winzigen Zelle eingepfercht. Sie alle wurden dort regelmäßig gefoltert.

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Die Abteilung 215 ist eine von 100ten von Folterzentren, die über ganz Syrien verstreut vom Regime Assads betrieben werden. Branch 215 befindet sich im Zentrum der syrischen Hauptstadt Damaskus und ist sogar auf Google zu finden.

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Ein Militärfotograf (Caesar) hat Fotos von tausenden Leichen von zu Tode Gefolterten aus Syrien herausgeschmuggelt. Jede Leiche hatte eine Nummer mit Edding auf die Stirn geschrieben.

Bisweilen wurde Omar gezwungen,  seinen Cousin Rashad selbst zu foltern. Familienangehörige zu zwingen, sich gegenseitig zu foltern oder auch zu vergewaltigen ist eine in den syrischen Folterzentren oft angewandte Methode, die in einzelnen Fällen sogar auf Video dokumentiert ist. 2013 starb Rashad nach der Folter. Omar mußte für die Gefängnisverwaltung die Toten auf der Stirn numerieren. Omars zweiter und liebster Cousin Bashir starb im Jahr darauf an den Folgen der Folter und einer Tuberkulose-Infektion. Auch er wurde von Omar numeriert. Diese „Dokumentationsmethodik“ stammt von ehemaligen SS-Männern, die sich nach dem zweiten Weltkrieg von Deutschland zuerst nach Ägypten und dann nach Syrien abgesetzt und dort in den Folgejahren die syrischen Geheimdienste und deren Foltersystem mit aufgebaut hatten. Im Folgenden ein Video von Omar Alshogre, in dem er beschreibt, was er in der Abteilung 215 erleben musste.

2014, körperlich und seelisch bereits schwerst verletzt, wurde Omar nach Sednaya, das berüchtigste Folterzentrum Syriens, verlegt.  Sednaya hat lt. der Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch nur einen einzigen Sinn: die Insassen gezielt zu Tode zu foltern. Viele sterben bereits nach wenigen Tagen oder Wochen, die wenigsten überleben länger als ein paar Monate. Kaum jemand ist überhaupt wieder lebend aus Sednaya herausgekommen. Lt. dem amerikanischen Geheimdienst CIA besteht der Verdacht, dass in Sednaya jede Woche 50 Insassen gezielt ermordet und danach in einem Krematorium auf dem Gefängnisgelände verbrannt werden. Regelmäßíg brechen in anderen syrischen Gefängnissen Aufstände aus, wenn Gefangene nach Sednaya verlegt werden sollen, denn das ist gleichbedeutend mit einem fast sicheren Todesurteil. Omar sagt, im Vergleich zu Sednaya sei die Abteilung 2015 der Himmel gewesen. Im folgenden Video berichtet Omar von seinem Martyrium in Sednaya und wie er dort wieder herauskam.

In Sednaya erreicht die Vernichtungsmaschinerie des syrischen Regimes ihre grausamste Ausprägung. Sie wird sowohl von der israelischen Holocaust -Gedenkstätte Jad Vashem als auch dem New Yorker Holocaust Museum als syrischer Holocaust bezeichnet. In Syrien ist allen bekannt, was in Sednaya passiert. Omars Mutter hatte zum Glück mitlerweile durch  Bestechung der Geheimpolizei herausgefunden, dass Omar in Sednaya und noch am Leben war. Sie sammelte 20.000 Dollar, um ihn freizukaufen. Nach einer Scheinhinrichtung am Stadtrand von Sednaya, bei der er bewusstlos zusammenbrach, ließen ihn seine Folterknechte einfach auf der Straße liegen. Als Omar gefunden wurde, war er mit Tuberkulose infiziert, konnte nicht mehr klar reden und wog nur noch 34 kg. Er konnte sich kaum noch selbst fortbewegen und litt unter Amnesie. Als er nach Tagen identifiziert wurde, wurde er in die Türkei zu seiner inzwischen geflohenen Mutter gebracht. Er war vollkommen apathisch und erkannte seine Mutter nicht mehr. Omar hatte nur ganz knapp überlebt.

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Omar als 14 Jähriger vor seiner Verschleppung und als 18 Jährige nach seiner Freilassung.

Bereit im Gefängnis hatte er gehört, dass in Bayda ein Massaker stattgefunden hatte. Nach seiner Freilassung erfuhr er die Details. 2013 hatten die sogenannte Shabiha im Auftrag des Assad-Regimes sein Heimatdorf Bayda überfallen und mindestens 75 Einwohner grausam niedergemetzelt. Der Vater von Omar, sein ein Jahr jüngerer Bruder und sein älterer Bruder wurden vor den Augen von Omar’s Mutter ermordet. Auch einige seiner besten Jugendfreunde wurden abgeschlachtet. Das Massaker von Bayda ist nur eines von vielen, die in dieser Zeit stattfanden. Häufig wurden die Szenen auf Video aufgenommen, die danach den Angehörigen zugespielt wurden. Omar Alshogre hat ein Video, das die Ermordung seiner Familienangehörigen dokumentiert.

Der folgende Film zeigt Bilder von verstümmelten Leichen

Im Herbst 2015 griff das russische Kreml-Regime die Regionen und Städte Syriens, die weiter Widerstand gegen Assad leisteten, mit Kriegsflugzeugen an. 1,5 Millionen Syrer (darunter auch Omar) emigrierten daraufhin in die EU, davon knapp 800.000 nach Deutschland. Omar war jemand, der mit viel Glück den Horror in Syrien überlebt hatte, einer von 12 Millionen Syrern, die vor dem Terrorregime Assads geflüchtet sind. Psychologen und Mediziner von NGO’s schätzen, dass praktisch jede syrische Familie traumatisiert ist. Omar bekam in Schweden Asyl. Er ist einer der wenigen Menschen, die in den letzten 10 Jahren Sednaya überlebt haben.

Nachdem er wieder zu Kräften gekommen war, lernte er in kürzester Zeit Englisch und Schwedisch. Er begann, über die Verbrechen des syrischen Regimes aufzuklären. Fast wöchentlich erzählte er, was ihm widerfahren war. Ein Jahr nach seiner Flucht trat Omar in Amerika und Europa in Schulen, Clubs, auf Versammlungen, in Universitäten, auf Kongressen,  Demonstrationen, vor Ermittlungsbehörden, vor NGO’s, im Fernsehen und im Radio auf. Mittlerweile tritt Omar auch vor einflussreichen internationalen Politikern auf.

Er nahm als Zeuge an einer Anhörung im US-amerikanischen Senat teil. Er trat vor den Ermittlern des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag auf. Er kann inzwischen perfekte Spontaninterviews in englisch, schwedisch und arabisch geben und wird nicht müde, über die Verbrechen des Regimes in Syrien zu berichten. Er redet mit den Händen, mit ausdrucksstarker Mimik, so dass man seinen Erzählungen gebannt folgt. Er wirkt ruhig und gefasst, strahlt auch häufig Freude und Zufriedenheit aus. Seine Scheinhinrichtung sollte ihm eine letzte Warnung sein, bloß den Mund zu halten. Er macht bewußt das Gegenteil. Omar, der sympathische junge Mann aus Bayda, bietet dem Schlächter Assad die Stirn.

Omar hat die Worte Hass und Rache aus seinem Wortschatz gestrichen. Er sagt: „Meine Rache ist es, die Menschenrechte gegen das Regime in Syrien durchzusetzen und damit die Rache selbst zu besiegen.“ Ständig reflektiert er während seiner Aufklärungsarbeit über seine inneren Gedanken. Er will Gerechtigkeit für die Opfer des Assad-Regimes. Er will die Schergen des Geheimdienststaates Syrien vor ordentliche Gerichte bringen. Er will, dass die Mörder in fairen Prozessen verurteilt werden. Er hat eine bewundernswerte Entwicklung vollzogen – wie ein Phönix aus der Asche.

Im Frühjahr 2020 wird Anwar R., der Leiter der berüchtigten Abteilung 215, in der Omar 21 Monate seines Martyriums verbrachte, als erster Vertreter des Folterregimes wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt (Oberlandesgericht Koblenz in Deutschland). Omar Al-Shogre ist einer von etwa 100 Zeugen der Anklage. Zwei Dutzend weitere Folteropfer der Abteilung 215 treten in diesem Prozess als Zeugen auf. Medien aus der gesamten Welt verfolgen diesen ersten Musterprozess höchst aufmerksam und berichten ausführlich darüber. Inzwischen haben die Niederlande erklärt, dass sie den Kopf des Folterregimes, Präsident Assad, persönlich vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag anklagen wollen. Frankreich ermittelt dazu ebenfalls. Omar Al-Shogre hat einen der bedeutendsten Beiträge dazu geleistet, dass selbst die Führung des Assad-Regimes vor Ermittlungen nicht mehr sicher ist.

Es gibt einen Vogel, der in seinen Tod verliebt ist

Der, um eines Neuanfangs willen

Wird sich lebendig verbrennen.

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(Adunis ist der Künstlername von Ali Ahmad Said Esber , syrischer Dichter, seit 1988 regelmäßig für den Literaturnobelpreis nominiert, forderte 2011 den syrischen Diktator Assad zum Rücktritt auf)

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Der mythische Vogel Phönix steigt aus der Asche auf (Darstellung 12. Jahrhundert n. Chr.)

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Omar hat allen Grund zu strahlen – er ist der Phönix aus der Asche!

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Omar Alshogre – Phönix aus der Asche (I)

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Der Name der Route in lateinischer und arabischer Schrift

Im Sommer habe ich an einer aussergewöhnlichen Kletterroute gearbeitet. Die abschüssige, schwer kontrollierbare Platte ist mit schmerzhaften Microleisten durchsetzt und zeichnet sich durch anhaltende, unerbittlich anstrengende und crazy Züge aus. Plattenklettern war nie meine Stärke. Als „Old-school-Kletterer“ bin ich zwar auf Platten und in Rissen groß geworden, aber mir liegen eher athletische Moves im überhängenden Gelände. Umso mehr hat mich die abweisende Linie an dem kompakten, glatten Edelfels, an dem ich in diesem Jahr mehrere Routen erschlossen habe, herausgefordert. Dieses Stück herrlichster Fels erfordert ein hohes Merkvermögen. Die Bewegungen und Positionen können nur dann erfolgreich kombiniert werden, wenn alles 100% passt. Ab dem allerersten Zug ist deshalb durchgehend Konzentration, Präzision und voller Einsatz gefordert. Bei mehreren erfolglosen Versuchen war ich immer an der Schlüsselstelle in Wandmitte abgeplatzt.  Mein Bewegungsplan war nie perfekt. Ende Juli startete ich endlich mit einem detaillierten Plan für absolut jede Tritt- und Griffabfolge. Vom ersten bis zum letzten Zug war mir klar, was zu tun ist.

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Omar Alshogre – Phönix aus der Asche.

Mit jedem Meter, den ich höher komme, saugt mich die Route aus. Schwer atmend und deutlich angepumpt erreiche ich die Crux in Wandmitte. Eine komplexe Passage mit fiesen Seituntergriffzangen und rutschigen Trittchen erwartet mich. Roboterartig, ohne irgendeinen Gedanken an Erfolg oder Mißerfolg zu verschwenden, rette ich mich gerade noch so durch die Schlüsselstelle. Jetzt bin ich kraftmäßig schon ziemlich am Ende. Ob ich noch genug Reserven habe, um die Tour zu schaffen? Die folgenden ungewöhnlichen und instabilen Einzelzüge sind weiterhin sehr anstrengend.  Als ich den rechten Fuss zu früh auf eine schmierige Delle heppe, manövriere ich mich in eine Sackgasse. Ich kann mich weder vor- noch zurückbewegen. Ich bin wie festgenagelt. Kurzzeitig kommt Panik auf. Da dringt von unten aufmunterndes Brüllen an mein Ohr: „Auf geht’s Nils, das geht, mach es!“ Irgendwie werden die Laute an meine Großhirnrinde weitergeleitet, welche wiederum mein limbisches System beauftragt: Kampfwillen einschalten! Aus der Körpermitte heraus kann ich einen Impuls setzen und mich befreien. Mit zitternden Knien rette ich mich in die Ruhestelle im oberen Drittel. Ganze 10 Minuten stehe ich verspreizt in der Schüttelposition, um Atemfrequenz und Tonus herunterzupegeln. Den krönenden Abschluss der krassen Platte bildet ein abgefahrener Boulder, die 2. Crux: ein Aufsteher, der fast ausschließlich mit dem linken Bein auszuführen ist. Ich konnte diese Bewegung bisher nur einmal und nur aus dem Hängen klettern. Eine höchst prekäre Situation. Gerade deshalb starte ich mit voller Entschlossenheit in das Finale. Morituri te salutant. Ich weiß nicht mehr, wie ich die Stelle bewältigt habe. Ich erinnere mich, dass ich in der Crux einen Schrei ausstieß, und wie ich plötzlich am Schlussgriff hänge und das Seil in den Umlenker clippe – geschafft! Ich jubele und jauchze. Nach dem Gefühl völliger Ermattung, dem ich noch kurz zuvor beinahe erlegen wäre,  fühle ich mich jetzt fast wie „Phönix aus der Asche“. Meine erste 8a auf einer Platte! Ich kann es kaum fassen. Ich habe die Route nach Omar Alshogre benannt, einem jungen Mann, der Unfassbares überstanden und Unfassbares geleistet hat – wie der mystische Vogel Phönix hat er sich aus der Asche erhoben. Aber das ist eine andere Geschichte … .

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Der Einstieg der Omar Alshogre. Vom ersten Zug an muss mit vollem Einsatz geklettert werden.

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Am Beginn der Crux – jeder kleinste Fehler bedeutet das Ende

 

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Schlüsselstelle geschafft, aber wie weiter?

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Völlig ausgepumpt in den komplexen Zügen des oberen Drittels der Platte

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Die 2. Crux kurz vor dem Umlenker, mit dem Aufrichter, der mir alles abverlangt hat

 

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