Juli 26
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Am vergangenen Wochenende habe ich am Christopher-Street-Day (CSD) Umzug in Stuttgart teilgenommen. Die queere Community feiert auch dieses Jahr – wie immer seit Jahrzehnten – ausgelassen und fröhlich mit 100.000den von Teilnehmenden in fast allen deutschen Gemeinden. Von der katholischen Kirche über Mercedes-Benz bis zur CDU und den freien Wählern waren alle demokratisch relevanten Gesellschaftsteile vertreten. Carnevaleske, selbstbewußte Auftritte von Drag Queens über Pet Boys bis zu einer Menge Transpersonen spiegelten das vielfältige Bild der LGBTQ+ Gemeinschaft wieder, wie es inzwischen fester Bestandteil der bundesdeutschen Gesellchaft ist.
Schlimm, dass ein brutales Attentat auf den zeitgleich stattfindenden CSD-Umzug in Berlin durchgeführt wurde.
Queere Persönlichkeiten gehören zwar zum Alltag in unseren Demokratien, aber sie sind längst noch nicht vollständig anerkannt. Die Demokratien erschliessen sich gerade erst diese wichtige Fähigkeit, so wie es z.B. beim Frauenwahlrecht im letzten Jahrhundert der Fall war. Kein Wunder, dass die Feinde der Freiheit genau dort zuschlagen, wo unsere Gesellschaft ihren aktuellen Entwicklungsstand (noch) nicht abgeschlossen hat (wer, ausser Faschos und Frauenfeinden zweifelt heute noch ernsthaft Frauenwahlrecht an?). Exakt zeitgleich zum Angriff auf die Ukraine hat Russland (offiziell!) seine Angriffe gegen die LGBTQ+ Community weltweit massiv hochgefahren. Erklärtermaßen sieht Russland hier aktuell die allerbeste Möglichkeit den Spaltpilz in unsere freiheitlich orientierten Gesellschaft zu setzen. Seitdem feuern die russischen Propagandaquellen in den sozialen Medien aus allen Rohren, nicht nur auf die Ukraine sondern genauso hasserfüllt auf die LGBTQ+ Szene. Lade dir dazu den jährlichen estnischen Geheimdienstbericht von 2021 herunter (ab S.59):
In der Folge beschlossen vor ca. zwei Jahren die deutschen Faschisten, die ebenfalls von Russland supportet werden, ihre Angriffe auf die queere Szene zu fokussieren. Und auch die von Russland promotete AfD bläst seitdem kräftig ins gleiche Horn. Russlands Propagandaschleudern sind erfolgreich: seit 2022 haben die Angriffe auf queere Menschen in Deutschland massivst zugenommen. Faschisten stören in den letzten Jahren regelmäßig und organisiert die deutschen CSD-Veranstaltungen, besonders in den ostdeutschen Bundesländern. Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, werden queere Personen beinahe täglich wegen ihrer Identität, angegriffen. Dass religiöse Fanatiker speziell Islamisten, lt. Verfassungsschutz die gefährlichste Gruppe in Deutschland und die genauso rückwärtsgewandt wie Russland sind, in die selbe Kerbe schlagen, versteht sich von selbst.
Der Anschlag auf den Berliner CSD ist nur ein Weiterer von vielen, menschenfeindlichen Angriffen auf die queere Community in Deutschland. Wie immer nach solch hinterhältigen Anschlägen wird jetzt über verschärftes Vorgehen diskutiert (und hoffentlich auch sinnvoll umgesetzt). Was kaum jemand auf dem Radar hat: die eigentliche Schwachstelle ist unsere offene Gesellschaft, auf die die Feinde der Freiheit (Diktaturen und Extremisten) immer wieder einschlagen. Deshalb gilt es jetzt die Lücke zu schliessen und endlich den Schutz der sexuellen Identität ins Grundgesetz aufzunehmen, damit LGBTQ+ diffamierendes Geraune („das wird man wohl noch sagen dürfen“), religiöse Queerphobie und die von Russland orchestrierte Hassflutung der sozialen Medien effektiv bekämpft werden können.
Denn Hass ist immer dort stark, wo Menschenliebe sich nicht zur Wehr setzt.
