Wenn Punx feiern (Nazis Fuck Off!)

Wattie Buchan von Exploited singt (besser brüllt) und springt dabei wie ein irrer Kastenteufel auf der Bühne herum, genauso wie vor 40 Jahren. Lediglich sein Markenzeichen, der knallrote Iro, ist auf seinem Kopf etwas verkürzt und ist stattdessen einer Glatze auf der Schädelfrontseite gewichen

Als junger (und naiver) Mann bin ich gerne auf Punkkonzerte gegangen. Dort wurde wild um die Wette getanzt besser: herumgesprungen. Dieser Tanzstil nennt sich Pogo. Nach ihm wurde ein spezieller Move im NewSchool Bouldern benannt, ein Fusskick mit dessen Hilfe ein weiter Zug im Überhang trickreich überwunden wird.

Manche sagen, dass Alte wieder so werden, wie sie als junge Menschen einmal waren. Was liegt da näher als zum 60ten Geburtstag einem richtig fetten Punkkonzert einen Besuch abzustatten?

„Punks not dead“, unter diesem Titel veröffentlichten Exploited 1979 ihre erste Vinylscheibe. Der Spruch soll auf Wattie zurückgehen, der Totenkopf mit Iro ist das Kennzeichen der Anarchoschotten.

Als ich hörte, dass die schon zu meiner Jugendzeit berühmte deutsche Punkband Slime (einige ihrer Lyrics sind indiziert) mit der einstmals ebenso berühmten britischen (besser schottischen) Punkband Exploited gemeinsam im Wizeman in Stuttgart auftreten, war mein Entschluss gefasst. Dem letzten Exploitedkonzert hatte ich 1986 im damaligen Szeneviertel München-Haidhausen beigewohnt und mir mitten im wildesten Pogogehopse eine massiv brennende Ladung Tränengas eingefangen. Mehrere Teilnehmende mussten verletzt von den Sanitätern versorgt werden, es folgte noch eine wüste Schlägerei, ansonsten war es ein Highlight der Münchner Punkszene. Ich meine mich zu erinnern, dass auch ein bekannter Münchner Kletterarzt zugegen war (?).

Wattie, der Sänger von Exploited, ist in etwa meine Altersklasse und kann bereits auf zwei bis drei Herzattacken während laufendem Auftritt vor Publikum zurückblicken. Auch die beiden Gitarristen und der Sänger von Slime spielten schon in den 1970/80er Jahren auf bundesdeutschen Konzertbühnen zum Pogo auf. Damals lauerte der Postfaschismus an jeder zweiten Strassenecke und wir Jungen demonstrierten offensiv eine radikale Grundhaltung gegenüber der alltäglichen rassistischen Gesinnung weiter Teile der deutschen Gesellschaft. Im Punklook aufzutreten hieß damals dem deutschen Nazispießer öffentlich und in aller Deutlichkeit den Mittelfinger zu zeigen. Angesichts der Umfrageergebnisse für die antisemitisch-rassistisch-nationalistisch AfD ist das sogar wieder brandaktuell.

Exploited sind ihrem Anspruch treu geblieben

Ich kann mit einigen der Lyrics von Exploited und Slime im Gegensatz zu damals eigentlich gar nichts anfangen (z.B. Fuck the USA oder A.C.A.B.), aber was solls: Punk ist Punk und eine ordentliche Portion Provokation gehört selbstverständlich dazu. Um mich in die richtige Stimmung zu bringen (und um – ähem – nicht aufzufallen), hatte ich mir anläßlich meines Revivalbesuches sogar extra meine Haare ein bischen „rattig“ eingefärbt.

Exploited bittet „on stage“

Als ich mich unter die Fans mischte musste ich jedoch feststellen, dass sich nur wenige Dutzend „echte“, zumeist recht junge Punx zum Stelldichein eingefunden hatten. Tatsächlich dominierten zu meiner Überraschung hauptsächlich graumelierte Herren aus meiner Altersklasse die Räumlichkeit. In keiner deutschen Großstadt würden die hier versammelten „Ex-Punk-Opis“ irgendwie auffallen und in der U-Bahn würde selbstverständlich jeder dieser freundlichen Herren mit Bierbauch unaufgefordert seinen Fahrschein vorzeigen – zumindest war das mein Eindruck. Die hatten wohl alle die selbe Idee wie ich: kurz mal wieder in das längst vergessene Gefühl von grenzenloser Freiheit (und Verantwortungslosigkeit?) eintauchen.

Wilden Pogo tanzten nur die Jungen vorne an der Bühne, denn bei den meisten Anwesenden hätten sicherlich die Gelenke den Dienst versagt. Wenn dann doch mal wer ein Stagediving wagte, dann wurde er unbeschadet am anderen Ende des Saales wieder ausgespuckt. Kein Chaos, kein Tränengas, keine Schlägerei wie ehedem, alles lief im voll kontrollierten Bereich ab. Das überwiegend „gesetzte Publikum“ schaute amüsiert dem wilden Treiben der Jungpunx zu und genoss darüberhinaus das stilechte Ambiente der Bands. Peinlich, peinlich: ich hatte den Eindruck, dass ich nicht der Einzige bin, der sich anlässlich des Gigs die grauen Haare eingefärbt hatte. So viel zum Vibe dieses Revivals.

Neben der Unbekümmertheit, mit der Wattie zum umstrittensten Exploited Song „Sex & Violence“ die anwesenden Damen und Herren zum Pogo auf die Bühne bat, beeindruckte mich am meisten der Schlagzeuger Alex Schwers von Slime, der wohl zu den bedeutendsten deutschen Rock-Schlagzeugern zählt.

Slime präsentieren stimmungsvoll „Lasst uns niemals sein wie die“ und energiegeladen wie vor 40 Jahren: „Ihr seid nichts als linke Spießer“

Als der ganze Saal mit Slime auf „Lasst uns niemals sein wie die“ gefolgt von „Ihr seid nichts als linke Spießer“ einstimmte, war ich verunsichert. Hin- und hergerissen zwischen enthusiastischem Mitsingen und der Frage: könnten sich die beiden Songs irgendwie auch auf mich beziehen und zwar andersherum als ich sie verstand?

Alles in allem: es war ein fantastischer Abend, den ich nicht missen möchte. Ach ja und was noch erwähnt werden muss: AfD Nazis Fuck Off – keine Frage!

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